Besprechungen
Sibylle Janert
Autistischen Kindern Brücken bauen Ein Elternratgeber
München Basel: Ernst Reinhardt Verlag, 2003. 239 Seiten.
ISBN 3-497-01680-2, 19,90 Euro
Autismus wird beschrieben als ein komplexer Zustand einer umfassenden Entwicklungsverzögerung. Dieser vom Bundesverband Hilfe für das autistische Kind e. V. empfohlene Ratgeber bietet sich für alle diejenigen an, die direkt mit der Betreuung eines kleinen Kindes zu tun haben, bei dem autistische Merkmale oder eine autistische Storung diagnostiziert wurden. Ein Teil des Buchs ist auch hilfreich bei Kindem mit ADSH(ADHD (Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität), bei älteren Kindem und auch bei Erwachsenen.
Teil 1 bietet innovative praktische Vorschläge für den Umgang mit den Kindem und für Verhaltensweisen von Erwachsenen, die der Entwicklung des Kindes helfen. Teil 2 stellt interaktive Spiele und Aktivitäten "auf alIen Vieren" vor. Teil 3 versucht sich in einer verstehenden Annäherung, was möglicherweise im Kind vor sich geht, wenn es in seine autistischen (Nicht-) Aktivitäten versunken ist.
Die Buchbesprechung
"Eltem eines autistischen Kindes zu sein, kann hart sein und im AIltag zu Frustration und Niedergeschlagenheit führen. Zwei Drittel der Eltem suchen einen oder noch mehr Experten auf, ehe sie eine sichere Diagnose erhalten, ein Viertel suchen fünf oder mehr Experten auf. Die Hälfte der Eltem ist der Meinung, dass Autismus schlecht oder uberhaupt nicht erklärt, wird...," (Zitiert aus dem Vorwort).
Elternrategeber vorgestellt
Dieses Zitat begründet, in welcher Notlage sich Eltem, ab er auch Fachleute befinden, wenn es urn klare Auskünfte geht zu "tiefgreifenden Entwicklungsstörungen"(so der medizinische Fachausdruck in der Intemationalen Klassifikation psychische Störungen,ICD 10, Kap.V) . Der Wunsch, mehr zu verstehen, hat auch mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht und - nachdem ich es gelesen habe - wünsche ich ihm viele deutsche Leser und Leserinnen.
Die Autorin arbeitet in London seit vielen Jahren mit autistischen Kindem und ihren Familien. Sie erhielt ihre Fortbildung in der Tavistock Clinic. Hier wird seit Jahrzehnten über Autismus geforscht, Praxis vermittelt und werden Eltem beraten. Der englische Titel ihres Buches gibt besser als der deutsche wieder, was sie vermitteln möchte: Ihre Erfahrungen damit, wie autistische Kinder zu erreichen sind, wie es gelingen kann, sich mit ihnen zu verständigen (Reaching the Young Autistic Child). Feste Brücken werden hier nicht vorgeführt, wohl aber Hoffnungen, Ufer mit Ufer verbinden zu lemen.
SibyIle Janert hat das Buch geschrieben, das sie selbst gern gelesen hätte, als sie anfing mit autistischen Kindem zu arbeiten: sie konzentriert sich auf die ersten Lebensjahre, schreibt praktisch und verständlich und hilft den ratlosenEltem und Betreuem zu verstehen, "was im Kopf eines autistischen Kindes vor sich geht" (S.16). 25 schwer und früh gestörte autistische Kinder werden vorgestellt. Die Autorin begegnete ihnen in Regelkindergärten, integrierten Spielgruppen, der autistischen Abteilung einer Schule für Lernschwierigkeiten oder in Sonderkindergärten. (Kurze biographlsche Angaben zu jedem Kind findet man im Anhang).
Wie das im einzelnen aussehen kann, erfahren wir in Teil 1. In zahlreichen kleinen Szenen wird anschaulich, welche Verhaltensweisen Erwachsener "der Entwicklung des Kindes helfen" können. Es erfordert: unendliche Geduld oder auch "gigantische Anstrengung"( S. 213), bis ein autistisches Kind reagiert. Doch prinzipiell ist es das Verständnis für die Wünsche eines gesunden Säuglings, das auch einem autistischen Kind helfen kann: Mit vielen Fallbeispielen wird bewiesen, dass ein autistisches Kind nicht ohne Interesse an sozialen Kontakten ist. Allerdings kann es kaum von sich aus Beziehung
herstellen. Deshalb muß der Erwachsene anfangs beide Rollen im Dialog übemehmen, urn ein autistisc.hes Kind zu (eigener Aktivität zu verlocken. Neugier, Überraschung, dramatisch betonte Stimme können dabei helfen.
Autistische Kinder, so die Einstellung der Autorin, sind in den allerersten Anfängen ihrer emotionalen und geistigen Entwicklung "steckengeblieben", also mässen sie da auch abgeholt werden. Das bedeutet, auch ältere autistische Kinder mit frühesten Babyspielen zum Mitmachen zu verlocken und darauf zu vertrauen, dass entsprechende Bedürfnisse und Wünsche in jedem autistischen Kind schlummem. Sie weiß, wie belastend und schwierig diese Aufgabe ist und bietet deshalb viele Mutmach-Ratschläge an, wie z.B. diesen: Nie selbst zu verstummen, sondem in den stressigsten Situationen weiter mit dem Kind zu sprechen, und sei es nur, um sich dabei selbst lebendig zu fühlen und einen klaren Kopf zu behalten (S.56).
In einer anderen Geschichte berichtet sie von dem vierjährigen Tim, der die Trennung von der Mutter im Kindergarten nur erträgt, wenn er ständig auf dem Arm getragen wird. Reicht die Kraft des Betreuenden nicht mehr, gibt es heftigste Kräche. Erst als dieses Verhalten als Trennungsangst verstanden wird, gelingt es, ihm eine Decke als Ersatzobjekt so anzubieten, das er sie dann auch annehmen kann (S. 85). Das Verständnis für die uferlosen Wünsche nach Körperkontakt ist die Voraussetzung dafür, das Kind zu einem Verzicht auf diese klebende Enge zu bewegen, und dies wiederum die Vorbedingung, ihm andere Hilfen, z.B. den "konzentrierten Geist eines Erwachsenen" (S.lll) anbieten und dadurch emotionale und geistige Entwicklung arregen zu können.
Eltem und Betreuem wird allerdings eine klare Entscheidung abverlangt: "Was woIlen wir erreichen?", fragt die Autorin klar und deutlich. "Möchten wir, dass es (das Kind)...blind gehorchrt, oder möchtn wir Wege finden, die es ihm erlauben zu reagieren, weil es reagieren möchte?" (S./, 112). Erfahrungsberichte erwachsener autistischer Menschen, die ihre Sehnsucht nach Wegen aus ihrer Isolation beschreiben, bestätigen das hier vorgestellte Konzept.
In Teil II werden Spiele und andere Aktivitäten vorgestellt, die "Wachstum und Entwicklung" fördem. Sie müssen auf den Entwicklungsstand eines autistischen Kindes abgestimmt werden, enthalten aber rundum Vorschläge aus der "normalen" Kinderstube: vom Fangenspiel über So-tun-als-ob bis zur dramatisch betonten Stimme. Mit Liedem lassen sich notwendige Tätigkeiten (Zähneputzen, An- oder Ausziehen) leichter durchsetzen.
Ein Hinweis der Autorin erscheint mir sehr wichtig. Sie erklärt es am Benutzen von Büchern (S. 181 ff.). Für ein autistisches Kind kann jede Tätigkeit/Nichttätigkeit zu reiner passiver Routine werden, auch das Anschauen eines Buches oder das Vorlesen der immer gleichen Geschichte. Diese Leere blockiert jede Entwicklung, sie soll niemals gefördert, sondern durch "lustvolle" Aktivitäten" ersetzt werden.
Der Versuch, "das alles zu verstehen" (S.189-224) bildet Teil III des Buches. Im psychodynamischen Verständnis ist der Wunschzustand eines autistischen. Kindes der eines noch nicht geborenen "Mutterschoß-Babys", dessen Bedürfnisse ohne jedes eigene Zutun erfüllt werden. In der Welt "draußen" fühlt es sich, als müsse es "ohne Raumanzug im Weltall herumdriften". Dieses Gefühl führt auch zu den panikartigen Angstzuständen, die immer wieder beobachtet werden. Ein Beharren in diesem Zustand, verhindert jede Weiterentwicklung, geistig wie emotional. Nur mit konzentrierter Hilfe eines Erwachsenen kann es gelingen, Ängste so weit zu verringern, dass ein kleiner Zwischenraum entsteht, der eine Aufeinanderzubewegung ermöglicht. Dabei muss sich der Erwachsene behutsame Übergänge ausdenken, wenn er dem Kind Veränderungen anbieten will, und er sollte wissen und verstehen, dass alle Rituale, das Klammern an harte Gegenstiinde ebenso wie stereotype Bewegungen oder selbstversunkenes Verhalten dem Fernhalten von Angst dienen und den Charakter einer Sucht annehmen können.
"Da das autistische Kind die Sinnesempfindung nicht mit Sinn und Bedeutung verbindet, schaltet es ab und.vermeidet jedes Bewusstsein von Gefühlen", seines Gegenübers ebenso wie seiner eigenen. "Es ist, als sei sein Geist in einer Warteschlange gefangen, auf 'Stand-by' gestellt oder steckengeblieben" (S. 218). Wenn es sich nicht auf Kommunikation einlässt, kann es sich nicht weiterentwickeln. Entscheidend sind dafür die ersten drei bis vier Lebensjahre. Eindringlich appelliert die Autorin an Verständnisfähigkeit und Hilfsbereitschaft der Erwachsenen. Sie verspricht keine erlernbaren Techniken, sondern ermutigt ihre Leser, dem eigenen Verständnis zu vertrauen und aus den Anregungen und Fallbeispielen eigene Lösungen zu entwickeln.
Luise Teichmann-Schneider
Grundlagen-Informationen erhalten Rat suchende Eltern bei:
Bundesverband Hilfe für das autistische Kind, Vereinigung zur Förderung autistischer Menschen eV.
Bebelallee 141
22297 Hamburg
TEL. 40/5115604
FAX 040/5110813
(dort können auch Informationsschriften aus dem Selbstverlag angefordert werden)
Hilfe für das autistische Kind, RV Regensburg e.V.,
1. Vors. Frau Ernestine Namyslo,
Tel. 09471/90792
e-mail:autismus-regensburg@gmx.de
Nürnberger Stadtmission e.V.
Stützpunkt für autistische junge Menschen und ihre Eltern
Familien-Ambulanz
Rothenburger StraBe 33b
90443 Nürnberg
Tel. 0911/99266031
Schwierige Kinder Journal Nr. 32 2004
In den Urlaub hatte ich mir dieses Buch mitgenommen und wurde belohnt. Endlich einmal ein Buch über den liebevollen und einfühlsamen Umgang mit autistischen Kindern!
Die Autorin ist Psychologin und arbeitet als Beraterin in Sonderkindergärten. Das bedeutet für sie, dass sie ausprobieren muss, was den Kindern und ihren Betreuerinnen hilft. Sie stellt ihre Handlungen und Ratschlage auf den Prüfstand und berichtet über ihre Erfahrungen.
Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten berichtet sie über Verhaltensweisen Erwachsener, die der Entwicklung des Kindes helfen und beschreibt Kleinkinderspiele und Handlungen, die wir bei Babys (und Theraplay) finden wie Guckuck-da, Übertreiben, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu holen, Spaß und das faszinierende Organ Mund. Im zweiten Abschnitt erklärt sie, warum Worte nachahmen nicht sprechen ist, warum man mit autistischen Kindern reden soll, vom Wert der Lieder u.a. Wenn Sie wissen wollen, was es mit dem Fernsehkonsum, dem Weglaufen, dem Wegwerfen auf sich hat, lesen Sie den 3. Teil des 1. Kapitels.
Der zweite Teil beschaftigt sich mit Spielen und anderen Aktivitaten, die Entwicklung und Wachstum fördern. Damit sind Kommunikationsspiele, stimmliche und musikalische Interaktionsspiele und solche mit Spielzeug, Büchern und Gegenständen gemeint.
Im dritten Teil geht es darum, zu verstehen, was in den autistischen Kindern vor sich geht, warum sie so merkwürdige Verhaltensweisen zeigen. Wollen Sie wissen, warum die Gegenstände, die die autistischen Kinder mit sich tragen, weder Spielzeug noch Tröster sind,oder warum manche immer etwas schütteln? Dann können Sie, wie ich auch, viel Neues und Interessantes erfahren. Sie lernen was über körperliche Empfindungen, besonders Gefühle an der Haut, die aber nicht helfen, sich "im Kontakt mit anderen Menschen wahrzunehmen und schließlich um das Verhältnis mancher autistischer Kinder zu Puzzles.
Der erste und zweite Teil hat mich sehr bestärkt in dem, was wir in Theraplay anbieten. Durch die realen Szenen, die die Autorin beschreibt, kamen mir immer wieder Kinder aus der eigenen Praxis in den Sinn, und ich habe besser gelernt zu verstehen, warum unser Theraplay-Angebot so hilfreich ist. Sibylle Janert hat ein wirklich sinnvolles und gutes Buch verfasst. Sie hat die autistischen Kinder beobachtet und versucht, sie zu verstehen. Dazu gibt sie konkrete Anregungen, was und wie man mit diesen Kindern in Kontakt treten und spielen kann. Das ist deutlich mehr Praxisbezug, als die normalen Bücher über Autismus beinhalten. Ich kann die meisten ihrer Hypothesen sehr gut nachvollziehen und denke, sie sind bereichernd für den therapeutischen Alltag mit autistischen Kindern.
Ob die Zielgruppe Eltern (,Elternratgeber") auch damit was anfangen kann, ist unsicher. Ein Teil vielleicht. Im Anhang beschreibt sie die Kinder, von denen sie erzahlt und ihr soziales Umfeld. Vielen dieser EItern ist es sicherlich nicht möglich, Janerts Überlegungen und Vorschläge in die Tat umzusetzen. Aber: Therapeutinnen aller Art, Erzieherinnen in Sondereinrichtungen konnen ganz sicherlich davon profitieren, wenn sie offen sind und ihre Verhaltens- und Reaktionsweisen überprufen und verändern wollen. Für Theraplay-Therapeutinnen, die mit autistischen Kinder arbeiten, ist das Buch ein Muß.
Ulrike Franke, Oftersheim
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