Interview mit der Autorin
Expertenforum
Autistische Kinder leben in ihrer eigenen Welt und sind nicht in der Lage, Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen. Werde die Krankheit früh genug erkannt, könne man die Isolation der Kinder aber noch aufbrechen, sagt die Psychologin und Autismusexpertin SIBYLLE JANERT, die in einer Beratungsstelle im East End von London arbeitet.
Kinder mit Autismus in die Welt zurück holen
Interview mit Nicola Zellmer (Hannoversche Allgemeine Zeitung) im Rahmen einer Veranstaltung der Ärztekammer Niedersachsen am 16. Mai 2003 am Winnicott Institut in Hannover zum Thema 'Das autistische Kind erreichen: Elternschule und Frühintervention'.
Nicola Zellmer: Was genau versteht man unter Autismus?
Sibylle Janert: Autismus ist eine tiefgreifende, frühkindliche Entwicklungsstörung. Die betroffenen Kinder haben schwere Beziehungs- und Kommunikationsstörungen, aud denen wiederum Verhaltensauffällig-keiten resultieren. Das bereitet besonders den Eltern, aber auch anderen Bezugspersonen große Schwierigkeiten.
Nicola Zellmer: Welche Symptome haben Autisten?
Sibylle Janert: Das Erscheinungsbild ist sehr vielfaltig. Autistische Kinder kommunizieren nicht, sie scheinen nicht einmal zu sehen, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und Sachen gibt. Die Kinder sind offenbar ganz zufrieden, wenn sie allein sind, viel herumlaufen und körperlich aktiv sein können. Eines der Hauptanzeichen für Autismus ist, daß die betroffenen Kinder nicht symbolisch spielen, das heißt, sie fassen Puppen und andere Spielzeuge zwar an, spielen aber niemals Geschichten mit ihnen nach oder denken sich Situationen aus. Autistische Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Oft führen sie stereotype Bewegungen oder Rituale aus. Insgesamt sind sie viel mehr mit den eigenen Körper- empfindungen beschaftigt als mit Kontakten und Spielen mit Gleichaltrigen.
Nicola Zellmer: Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind autistisch ist?
Sibylle Janert: Oft fallen autistische Kinder ihren Eltern durch eine verzögerte Sprachentwicklung auf. Auch zeigen sie nicht mit dem Finger auf Dinge oder versuchen auf andere Weise, die Eltern auf sich aufmerksam zu machen, wie es normal entwickelte Gleichaltrige tun. Autistische Kinder zeigen auch kein Bedürfnis, mit anderen Menschen eine emotionale Erfahrung zu teilen. Die Arzte diagnostizieren Autismus nur durch derartige Verhaltensbeobachtungen. Die Ursache der Entwicklungsstörung ist bis heute nicht eindeutig klar und vielerorts heftig umstritten. Die Ärzte sind sich aber einig, daß es sich wahrscheinlich um ein hirn-organisches Psycho-Syndrom beziehungsweise eine biopsychosoziale Entwicklungsstörung handelt, die von vielen Faktoren beeinflusst wird.
Nicola Zellmer: Welche Möglichkeiten autistischen Kindern zu helfen gibt es?
Sibylle Janert: Wichtig ist insbesondere, den Autismus so früh wie möglich zu erkennen. In der französischen Normandie gibt es zum Beispiel eine fachübergreifende Beratungsstelle zur Früherkennung und Behandlug von Säuglingen mit Beziehungsstörungen und Autismusrisiko. Die dortigen Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, dass die Chance, den Entwicklungsgang eines Säuglings zu beeinflussen, umso größer ist, je eher das Autismusrisiko entdeckt wird. Werden die betroffenen Kinder bereits mit etwa zwölf Monaten diagnostiziert, kann man die Mehrzahl von ihnen wieder auf einen nicht-autistischen Weg zurückführen und aus ihrer abgekapselten Welt herausholen. In dieserZeit macht die Hirnentwicklung massive Fortschritte - im ersten und auch noch im zweiten Lebensjahr werden die grundlegenden Nervenverbindungen geknüpft. Diese Vernetzung ist total erfahrungsabhängig und bildet sich vor allem durch die Interaktionen mit einer Bezugsperson. Mit diesem Ansatz der frühen Beeinflussting der Hirnentwicklung unterscheiden sich die Franzosen und auch unsere Beratungsstelle in London übrigens von den meisten gängigen Behandlungskonzepten. Diese konzentrieren sich auf die Änderung des bereits festgelegten Verhaltens zum späteren Zeitpunkt.
Nicola Zellmer: Was genau machen Sie in der Londoner Be ratungsstelle?
Sibylle Janert: Ich arbeite mit Methoden, die Schulmedizinern ungewöhnlich erscheinen werden. Zum einen gehe ich zu den Eltern nach Hause, arbeite dort mit ihnen und trage so therapeutische Denkmodelle in die Familie. Wichtig ist, immer ganz genau zu gucken, wofür sich ein Kind interessiert und sich einzufühlen, was es gerade daran hindert, sich emotional auf den anderen einzulassen. Mit diesen Wissen kann man versuchen, eine Beziehung anzuknüpfen. Wenn das Kind etwa plötzlich vom Schoß der Mutter aufspringt und zum Fenster läuft, kann es sein, dass draußen gehämmert wird oder daß ein Flugzeug vorbeifliegt, - Geräusche die die Eltern gar nicht wahrgenommen hatten. Mit Hilfe von Videobändern kann man derartige Situationen analysieren. Unsere zweite Säule ist eine Fortbildungs- und Selbsthilfegruppe für Eltern autistischer Kinder.
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